Kurzanalyse

Industriebeschäftigung im regionalen Strukturwandel

18.06.2026

Die Industriebeschäftigung in Deutschland verliert im Strukturwandel stetig an Bedeutung: Der Anteil der Industrie an der Gesamtbeschäftigung sank von 22 Prozent im Jahr 2014 auf rund 19 Prozent. Doch der Wandel verläuft regional sehr unterschiedlich. Während einige Kreise weiter Industriebeschäftigung aufbauen, verlieren andere deutlich. Die Kurzanalyse macht sichtbar, wie sich der Strukturwandel vor Ort zeigt – und wie sich Beschäftigung, Personalbewegungen und Perspektiven für Beschäftigte entwickeln.

Bis 2019 stieg die Zahl der Industriebeschäftigten in Deutschland noch an. Seitdem geht sie zurück und lag 2025 mit 6,6 Millionen unter dem Niveau von 2014. Gleichzeitig wuchs die Beschäftigung in anderen Wirtschaftsbereichen durchgängig und bereits bis 2019 stärker. Dadurch verlor die Industrie am Arbeitsmarkt kontinuierlich an Bedeutung: Ihr Anteil an der Gesamtbeschäftigung ging von 22 Prozent im Jahr 2014 auf 18,9 Prozent im Jahr 2025 zurück. Die Analyse zeigt: es braucht Investitionen, berufliche Mobilität und Qualifizierung.

Als Industrie gilt hier das Verarbeitende Gewerbe gemäß Abschnitt C der Klassifikation der Wirtschaftszweige. Die Analyse vergleicht dessen Entwicklung mit der übrigen Wirtschaft, also allen Wirtschaftsbereichen außerhalb des Verarbeitenden Gewerbes – bundesweit und auf Ebene der 400 Kreise und kreisfreien Städte.

Beschäftigungsentwicklung und Anteil der Industriebeschäftigung an Gesamtwirtschaft

Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft auf Basis der Statistik der Bundesagentur für Arbeit, siehe Engler et al. (2026).
*2025-Prognose basierend auf dem gewichteten Durchschnitt der 6-Monatswerte für Jan.–Sep. 2025 sowie der 3-Monatswerte für Okt.–Dez. 2025
Industrieunternehmen stellen weniger ein

Die Debatte um Deindustrialisierung und Entlassungswellen deutscher Industrieunternehmen reißt nicht ab. Der Beschäftigungsrückgang in der Industrie wird bislang jedoch nicht vor allem durch steigende Kündigungszahlen vonseiten der Arbeitgeber getrieben. Entscheidend ist vielmehr, dass Unternehmen freiwerdende Stellen seltener nachbesetzen und weniger neue Mitarbeitende einstellen. Noch bis 2019 entwickelten sich Einstellungen und beendete Beschäftigungsverhältnisse weitgehend parallel. Seitdem öffnet sich eine Lücke: Die Einstellungen gehen deutlich stärker zurück als die Zahl der beendeten Beschäftigungsverhältnisse. Dadurch rücken weniger neue Mitarbeitende in die Industrie nach, als Stellen frei werden.

Auch die Online-Stellenanzeigen bestätigen die schwache Einstellungsdynamik. Die Daten für 2025 deuten darauf hin, dass sich dieser Trend fortsetzt: Der Industrieanteil an allen ausgeschriebenen Stellen ist von 2019 bis 2025 um 3,2 Prozentpunkte gesunken. Auch in absoluten Zahlen liegt die Zahl der Industrie-Stellenanzeigen unter dem Niveau von 2019 – mit rund 161.000 Anzeigen weniger. Ausschlaggebend dafür ist unter anderem die sinkende Zahl von Zeitarbeitsstellen in der Industrie. Gerade bei Stellen von Personaldienstleistern besteht kurzfristiges Einsparpotenzial, ohne dass die Kernbelegschaft direkt betroffen ist.

Versteht man die zurückhaltende Einstellungsdynamik und die ausgeschriebenen Stellen als Frühindikatoren, könnte die Beschäftigungskrise in der Industrie tiefer reichen, als es die bisherigen Beschäftigtenzahlen zeigen.

Entwicklung der Stellenanzeigen in der Industrie

Anzahl Online-Stellenanzeigen in der Industrie nach Typ und Anteil an allen Stellenanzeigen
Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft auf Basis der Statistik der Bundesagentur für Arbeit, siehe Engler et al. (2026).
Unterschiedliche regionale Entwicklungen

Auf regionaler Ebene zeigt sich, wie unterschiedlich der Wandel der Industriebeschäftigung verläuft. Die Kreise starteten 2014 von sehr unterschiedlichen Ausgangsniveaus: In manchen Regionen prägte die Industrie einen großen Teil des Arbeitsmarkts, in anderen spielte sie nur eine kleinere Rolle. Entsprechend unterscheiden sich auch die Beschäftigungsanteile, die Beschäftigungsentwicklung sowie die Dynamik von Einstellungen und beendeten Beschäftigungsverhältnissen.

Deutschlandweit verlief die Entwicklung der Industriebeschäftigung im Beobachtungszeitraum von 2014 bis 2024 in zwei Phasen. Zwischen 2014 und 2019 stieg die Zahl der Industriebeschäftigten noch um 5,7 Prozent. Zwischen 2019 und 2024 ging sie dagegen um 3,7 Prozent zurück. Hinter diesen Durchschnittswerten stehen jedoch sehr unterschiedliche regionale Verläufe. Einige Kreise konnten ihre Industriebeschäftigung auch nach 2019 stabilisieren oder ausbauen, andere verzeichneten bereits vor 2019 Rückgänge oder waren nach 2019 deutlich stärker vom Beschäftigungsabbau betroffen.

regionalisierter Text

Auch in Berlin hat sich die Bedeutung der Industrie am Arbeitsmarkt verändert. Im Jahr 2014 lag der Anteil der Beschäftigten in der Industrie an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Region bei 8,3 Prozent. Bis 2024 sank dieser Anteil auf 6,4 Prozent. Damit liegt der Industrieanteil an der Gesamtbeschäftigung in Berlin im Jahr 2024 unter dem Deutschlandwert von 19,3 Prozent.

Die Beschäftigungsentwicklung verlief dabei in zwei Phasen: Zwischen 2014 und 2019 nahm die Zahl der Industriebeschäftigten in Berlin um 6,4 Prozent zu. In dieser Zeit wuchs die Industriebeschäftigung bundesweit noch um 5,7 Prozent. Zwischen 2019 und 2024 kehrte sich der Trend vielerorts um: In Berlin sank die Zahl der Industriebeschäftigten um 3,3 Prozent. Deutschlandweit ging sie im gleichen Zeitraum um 3,7 Prozent zurück. Die Entwicklung in Berlin folgt damit weitgehend dem bundesweiten Muster seit 2019.

Neben den Beschäftigtenzahlen unterscheiden sich auch die Personalbewegungen regional. Insgesamt zeigt sich aber ein ähnliches Muster wie auf Bundesebene: Der Beschäftigungsrückgang wird vor allem durch weniger Neueinstellungen geprägt. In vielen Kreisen gehen die Einstellungen seit 2019 stärker zurück als die beendeten Beschäftigungsverhältnisse. Das spricht dafür, dass Unternehmen freiwerdende Stellen seltener nachbesetzen.

Industriebeschäftigung und Personalbewegungen in den Regionen

Die Karte zeigt den Anteil der Industriebeschäftigung am regionalen Arbeitsmarkt im Jahr 2024. Auch wenn das Nord-Süd-Gefälle sichtbar bleibt, ist die Bedeutung der Industrie für den Arbeitsmarkt in einigen Regionen deutlich zurückgegangen.
Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft auf Basis der Statistik der Bundesagentur für Arbeit, siehe Engler et al. (2026).
Industrieanteil sinkt – mit unterschiedlichen Folgen für Beschäftigte

Der Vergleich ausgewählter Regionen zeigt: Ein sinkender Industrieanteil bedeutet nicht automatisch ein hohes Arbeitslosigkeitsrisiko. Das Risiko, aus einer Industriebeschäftigung arbeitslos zu werden, bleibt vielerorts vergleichsweise gering. Gleichzeitig können sinkende Einstellungsraten und weniger offene Stellen die Perspektiven für Neueinsteiger:innen, Arbeitslose und Beschäftigte mit Wechselwunsch verschlechtern.

Verschiedene Indikatoren regional vergleichen

Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft auf Basis der Statistik der Bundesagentur für Arbeit, siehe Engler et al. (2026).

Die Tabelle zeigt die Werte der Indikatoren für 2014, 2019 und 2024 pro Region. Sie kann nach dem Anteil der Industriebeschäftigung sortiert werden und ermöglicht den direkten Vergleich einzelner Regionen.

Tabellarische Übersicht der Indikatoren

Jahr
Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft auf Basis der Statistik der Bundesagentur für Arbeit, siehe Engler et al. (2026).

Zusatzinformationen:

Diese Kurzanalyse stellt die zentralen Ergebnisse der Studie „Entwicklung der Industriebeschäftigung“ interaktiv auf regionaler Ebene dar. Die Studie analysiert die Entwicklung der Industriebeschäftigung im Strukturwandel. Als Industrie gilt dabei das Verarbeitende Gewerbe gemäß Abschnitt C der Klassifikation der Wirtschaftszweige – also der industrielle Kernbereich, zu dem etwa Automobilindustrie, Maschinenbau, Chemie, Metallverarbeitung oder Elektroindustrie zählen.

Untersucht werden Beschäftigung, Einstellungen und beendete Beschäftigungsverhältnisse, Arbeitsnachfrage, Folgen für Beschäftigte sowie industrietypische Berufe – jeweils im Vergleich von Industrie zur übrigen Wirtschaft ohne Industrie und auf Kreisebene. Grundlage sind Sonderauswertungen der Bundesagentur für Arbeit, Verdienststruktur- und Verdiensterhebungen sowie Online-Stellenanzeigen aus dem Jobmonitor der Bertelsmann Stiftung. Für Wolfsburg und Ingolstadt liegen aus Datenschutzgründen keine kreisspezifischen Angaben auf Basis der BA-Sonderauswertungen vor. Der Untersuchungszeitraum umfasst die Jahre 2014 bis 2024, bei Online-Stellenanzeigen 2019 bis 2024; ergänzend wurden für einzelne Indikatoren Werte und Prognosen für 2025 berücksichtigt. Erstellt wurde die Studie vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) von Jan Felix Engler, Dr. Armin Mertens, Dr. Stefanie Seele, Christoph Schröder und Dr. Oliver Stettes.

Kontakt

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Luisa Kunze

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